Die ETF-Illusion: Was Finfluencer über Risiken und Altersvorsorge oft verschweigen

| July 24, 2026|Categories: Finanzmärkte, Geldanlage|

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Im ersten Teil dieser Serie ging es darum, warum ETFs tatsächlich ein sinnvolles Instrument sind und warum Finfluencer mit ihrer Botschaft so erfolgreich sind. Es wurde gezeigt, wo die vereinfachte Erzählung beginnt: beim Klumpenrisiko eines scheinbar “breiten” Index, bei der selektiven Verwendung historischer Renditen und beim Denkfehler, der Verstehen mit Umsetzen gleichsetzt. Dies führt dazu, dass Anleger über längere Zeiträume geringere Renditen erzielen.

Doch das eigentliche Problem liegt tiefer. Denn es gibt konkrete Risiken, über die in der Finfluencer-Kommunikation so gut wie nie gesprochen wird: Risiken, die nicht akademischer Natur sind, sondern reale finanzielle Konsequenzen für Menschen in bestimmten Lebenssituationen haben können. Und es gibt eine gesellschaftliche Dimension dieser Entwicklung, die weit über den individuellen Depot-Erfolg hinausgeht.

Zwei Risiken, die kaum jemand nennt

Das erste ist das Post-Investment-Crash-Risiko. Es tritt auf, wenn jemand kurz nach einem größeren Kapitalaufbau, etwa durch das Umschichten von Erspartem in ETFs, einen starken Markteinbruch erlebt. Der Anlagehorizont beginnt dann mit einem erheblichen Rückstand, der unter Umständen viele Jahre braucht, um aufgeholt zu werden. Wer 2007 sein erstes größeres Depot aufgebaut hat und dann die Finanzkrise 2008 erlebte, weiß, wovon die Rede ist. Ein Einbruch von 40 bis 50 Prozent zu Beginn des Anlagehorizonts, begleitet von Jobverlust, Ausgabenanstieg oder persönlichen Veränderungen, kann dazu führen, dass Anleger zum schlechtesten Zeitpunkt verkaufen müssen.

Das zweite ist das Post-Crash-Payout-Risiko: Ein Einbruch kurz bevor Kapital tatsächlich gebraucht wird. Wer die Altersvorsorge über den Kapitalmarkt finanziert, kann im Gegensatz zu einem staatlichen Rentensystem nicht einfach warten, bis sich die Kurse erholen. Wer mit 64 Jahren kurz vor der Pensionierung steht und einen 30-prozentigen Kurseinbruch erlebt, realisiert Verluste, egal ob der Markt zwei Jahre später wieder auf Allzeithoch steht. Das Risiko, zum falschen Zeitpunkt verkaufen zu müssen, lässt sich durch Diversifikation verringern, aber nicht eliminieren.

Beide Risiken werden in der Finfluencer-Kommunikation oft entweder ignoriert oder mit dem pauschalen Hinweis abgetan: “Leg einfach langfristig an!” Das ist kein schöner Rat für jemanden, der kurz vor der Pensionierung steht. Und es ist kein nützlicher Rat für jemanden, der nicht weiß, ob er in drei Jahren ein Haus kaufen, eine Ausbildung finanzieren, Gesundheitskosten oder eine Pflegesituation bewältigen muss. Gutes Investieren beginnt mit der ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Situation, nicht mit dem nächsten YouTube-Video.

Was passiert, wenn alle in ETFs sparen

Abseits der individuellen Perspektive gibt es eine gesellschaftliche Frage, die in der Finfluencer-Kommunikation praktisch fast nicht vorkommt: Was bedeutet es, wenn ein immer größerer Teil der Altersvorsorge von Kapitalmarktrenditen abhängt?

In Österreich ist das umlagebasierte Pensionssystem noch immer das tragende Element der Alterssicherung. Das bedeutet: Erwerbstätige zahlen Beiträge, aus denen unmittelbar die laufenden Pensionen finanziert werden. Dieses System ist gegenüber kurzfristigen Marktschwankungen weitgehend immun. Es leidet dafür an demografischem Druck, weil sinkende Geburtenraten die Beitragsbasis schrumpfen lassen.

Kapitalgedeckte Systeme, also jene, bei denen Beiträge angespart und am Kapitalmarkt veranlagt werden, lösen dieses demografische Problem nicht. Sie lagern es lediglich um. Wenn ganze Generationen gleichzeitig in Pension gehen und ihre Depots liquidieren, entzieht das den Märkten Kapital. Das Risiko verschwindet nicht; es verteilt sich anders, und zwar auf jeden, der zu einem ungünstigen Zeitpunkt auf sein Kapital angewiesen ist.

Länder wie Dänemark oder die Niederlande haben teils mehr als 40 bzw. 100 Prozent des BIP in privaten kapitalgedeckten Pensionsfonds. Österreich liegt bei nicht einmal sieben Prozent. Ob das ein Aufholbedarf ist oder ein Vorteil, hängt entscheidend davon ab, wie sich die Kapitalmärkte in den nächsten Jahrzehnten entwickeln. Das ist eine offene Frage und keine beschlossene Sache.

Laut OECD Pension Markets in Focus 2025 verwalten private Pensionsfonds weltweit inzwischen Vermögenswerte in Höhe von mehr als 60 Billionen US-Dollar. Eine systemische Erschütterung dieser Märkte, etwa durch geopolitische Krisen, eine strukturelle Zinswende oder einen beschleunigten demografischen Wandel, wäre damit keine individuelle Katastrophe, sondern eine gesamtgesellschaftliche.

Was bleibt?

ETFs sind ein nützliches Instrument. Die Daten sprechen dafür, dass passive Indexfonds für viele Privatanlegerinnen und -anleger eine sinnvolle Wahl darstellen, günstiger als aktive Fonds, robust in ihrer Struktur, zugänglich auch bei kleinen Beträgen. Wer langfristig spart, regelmäßig investiert und die emotionalen Tiefen eines Börsenzyklus durchhält, hat gute Chancen auf ein reales Plus gegenüber dem Sparbuch.

Aber das ist etwas anderes als “einfach” oder “garantiert” oder “für jeden”. Ein Drittel der österreichischen Haushalte kann laut aktuellen Erhebungen gar nichts sparen – oft nicht aus Desinteresse, sondern weil das Geld für den laufenden Lebensunterhalt nicht reicht. Für diese Menschen ist die Botschaft “Lege doch einfach in ETFs an” nicht nur nutzlos, sondern zynisch. Für jene, die die Möglichkeit haben: Gutes Investieren erfordert kein Finanzstudium, aber es erfordert ein echtes Verständnis der eigenen Situation, einen langen Atem und, vielleicht am wichtigsten, einen funktionierenden Filter gegen die permanente Flut an Vereinfachungen und Renditeversprechungen, die täglich durch die sozialen Medien schwappt. Diese und andere Faktoren sind verantwortlich dafür, dass Anleger über längere Zeiträume geringere Verzinsungen und Renditen als der durchschnittliche Gesamtmarkt erzielen.

Charlie Munger, der ehemals langjährige Partner von Warren Buffett, brachte es so auf den Punkt: “Investing is not supposed to be easy. Anyone who finds it easy is stupid.” Das klingt hart. Aber es ist ehrlicher als jeder Clickbait-Titel und am Ende auch hilfreicher.

Wie ist Ihre Meinung zu Finfluencern?

Glauben Sie, dass Finfluencer Finanzbildung fördern oder falsche Erwartungen erzeugen? Haben Finfluencer zu viel Einfluss auf finanzielle Entscheidungen? (Bernhard Führer, 28.5.2026)

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