Geldanlage in Österreich

SHARE

Sparstudie 2024 von Erste Bank und Sparkassen – durchgeführt von IMAS International mit 1.343 Befragten – ist für 81 Prozent der Österreicher:innen das Sparen wichtig oder sehr wichtig. Neun von zehn stimmen zu, dass jeder Mensch eine finanzielle Reserve haben sollte. Im Europäischen Vergleich liegt die Sparquote der privaten Haushalte hierzulande auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau: 2023 betrug sie laut Statistik Austria 8,7 Prozent des verfügbaren Einkommens. Das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO prognostizierte für 2024 sogar einen Anstieg auf 11,4 Prozent.

Die Paradoxie liegt woanders: Trotz dieser ausgeprägten Sparneigung landet das Geld mehrheitlich auf dem Sparbuch – einer Anlageform, die in ihrer klassischen Variante seit Jahren reale Wertverluste produziert. 78 Prozent der Österreicher:innen nutzen laut der Sparstudie 2024 ein Sparkonto, so viele wie vor zehn Jahren. Gleichzeitig beschreiben sich ebenfalls 78 Prozent als sicherheitsorientiert und sind bereit, für diese Sicherheit auf Ertrag zu verzichten.

Dieses Verhaltensmuster hat einen Namen: Verlustaversion. Die Verhaltensökonomie beschreibt damit die Tendenz von Menschen, Verluste deutlich stärker zu gewichten als gleichwertige Gewinne. Ein möglicher Verlust von 1.000 Euro schmerzt psychologisch etwa doppelt so stark, wie ein Gewinn von 1.000 Euro Freude bereitet. Das Ergebnis: Sicherheit wird auch dann bevorzugt, wenn sie langfristig teuer kommt.

Was das Sparbuch wirklich kostet

Das Sparbuch ist kein neutrales Instrument – es ist ein aktiver Kaufkraftverlust. Wer in den Jahren 2021 bis 2023 sein Erspartes auf einem österreichischen Sparkonto liegen hatte, erlebte eine Inflation von zeitweise über 10 Prozent, während die Sparzinsen noch lange im Promillebereich lagen. Die sogenannte Realverzinsung – also der Zinsertrag abzüglich der Inflationsrate – war über Jahre tief negativ.

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht das: Wer im Jahr 2020 10.000 Euro auf ein Sparbuch mit 0,1 Prozent Jahreszins legte, hatte Ende 2023 nominal etwa 10.040 Euro. Real, also inflationsbereinigt, hatte das Kapital jedoch eine Kaufkraft, die einem Betrag von grob 8.500 bis 9.000 Euro aus dem Jahr 2020 entsprach – je nach Berechnung ein Verlust von 10 bis 15 Prozent.

Hinzu kommt die österreichische Kapitalertragsteuer (KESt), die auf Zinserträge aus Sparbüchern 27,5 Prozent beträgt. Informationen dazu finden sich beim Bundesministerium für Finanzen (BMF). Die bereits mageren Zinserträge werden also zusätzlich durch die Steuer beschnitten – ein dreifacher Effekt aus Niedrigzins, Inflation und Steuer, der den realen Wert des Ersparten systematisch mindert.

Das neue Bewusstsein: Langsamer Wandel, aber er ist messbar

Es wäre falsch zu behaupten, dass sich in Österreich nichts bewegt. Der Wandel ist real – er vollzieht sich nur behutsam. Der Zehn-Jahres-Vergleich der Sparstudie ist aufschlussreich: Die durchschnittliche Anzahl der genutzten Sparformen stieg von 2,6 im Jahr 2014 auf 3,4 im Jahr 2024. Österreicher:innen diversifizieren ihr Sparverhalten also zunehmend.

Besonders deutlich zeigt sich das bei alternativen Anlageklassen:

  • Wertpapiere (Aktien, Fonds, ETFs): Nutzung stieg von 27 % (2014) auf 36 % (2024)
  • Pensionsvorsorgeprodukte: von 21 % auf 27 %
  • Gold und Edelmetalle: von 13 % auf 23 %

Die hohe negative Realverzinsung der Inflationsjahre 2021 bis 2023 hatte offensichtlich eine Weckruffunktion. Viele Menschen begannen, sich erstmals ernsthaft mit Alternativen zu beschäftigen. Es wäre also keine Übertreibung zu sagen: Die Inflation hat mehr für die österreichische Finanzbildung getan als ein Jahrzehnt gut gemeinter Ratgeber.

Die Anlageklassen im Überblick

Aktien und ETFs: Renditemotor mit Schwankungen

Aktien verbrieften einen Eigentumsanteil an einem Unternehmen. Wer eine BMW-Aktie kauft, ist – in winzigem Ausmaß – Miteigentümer des Konzerns und profitiert von Kursgewinnen sowie Dividenden. Historisch betrachtet haben breit gestreute Aktieninvestitionen über lange Zeiträume eine der besten Renditen aller Anlageklassen erzielt. Der S&P 500, der Index der 500 größten US-amerikanischen Unternehmen, erzielte über die vergangenen 30 Jahre eine durchschnittliche jährliche Rendite von rund 10 Prozent – allerdings mit teils heftigen Zwischenschwankungen.

Das Risiko von Einzelaktien lässt sich durch Exchange Traded Funds (ETFs) erheblich reduzieren. Ein ETF, der etwa den MSCI World abbildet, investiert automatisch in über 1.400 Unternehmen aus 23 Industrieländern. Das Prinzip: Wenn ein einzelnes Unternehmen scheitert, macht das im Gesamtportfolio kaum einen Unterschied. Ein Monatssparplan in einen solchen ETF mit 100 bis 200 Euro ist für viele die praktikabelste Einstiegsmöglichkeit in den Kapitalmarkt.

Die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) reguliert den Wertpapierhandel in Österreich und bietet auf ihrer Website auch Informationen für private Anleger:innen an. Wer ein Depot eröffnen möchte, tut das über eine Bank oder einen regulierten Online-Broker – beide müssen in Österreich über eine entsprechende FMA-Konzession verfügen.

Ein steuerlicher Hinweis: Auf realisierte Kursgewinne und Dividenden aus Wertpapieren fällt in Österreich ebenfalls die KESt von 27,5 Prozent an. Verluste aus Wertpapieren können jedoch mit Gewinnen verrechnet werden, was die Steuerlast mindert. Details regelt das Einkommensteuergesetz; das BMF stellt Informationen zur Wertpapierbesteuerung online zur Verfügung.

Immobilien: Der österreichische Lieblingswert

Die Immobilie gilt in Österreich seit Jahrzehnten als die Anlage schlechthin. Nicht ganz zu Unrecht: Wohnraum hat über lange Zeiträume an Wert gewonnen, bietet Inflationsschutz und erzeugt – vermietet – laufende Einnahmen. Der österreichische Immobilienmarkt erlebte zwischen 2010 und 2022 einen außergewöhnlichen Preisanstieg, insbesondere in Wien.

Die Kehrseite ist bekannt: Immobilien binden viel Kapital, sind illiquide – man kann sie nicht in Teilen verkaufen wie eine Aktie – und erfordern aktives Management. Wer eine vermietete Eigentumswohnung besitzt, ist de facto auch Vermieter mit allen administrativen und rechtlichen Verpflichtungen, die das mit sich bringt. Die deutlich gestiegenen Zinsen für Hypothekarkredite ab 2022 haben zudem die Finanzierungskosten erhöht und Kaufpreise in vielen Lagen unter Druck gesetzt.

Für jene, die in Immobilien investieren möchten, ohne gleich eine Wohnung zu kaufen, sind Real Estate Investment Trusts (REITs) oder Immobilien-ETFs eine Alternative – in Österreich steuerlich jedoch komplex, weshalb professionelle Beratung empfehlenswert ist.

Anleihen: Rückkehr der sicheren Zinserträge

Nach Jahren der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) sind Anleihen – also festverzinsliche Schuldverschreibungen von Staaten oder Unternehmen – wieder attraktiver geworden. Österreichische Staatsanleihen rentierten Ende 2023 im mittleren Laufzeitbereich mit 3 bis 4 Prozent, was nach Jahren der Nullzinsphase eine wesentliche Verbesserung darstellt.

Anleihen sind besonders für konservative Anleger:innen interessant, die planbare Erträge bei überschaubarem Risiko suchen. Sie eignen sich auch als Stabilisator in einem gemischten Portfolio: Wenn Aktien fallen, steigen Anleihen häufig – zumindest die von Staaten hoher Bonität.

Gold: Das ewige Krisenmetall

Gold hat in der österreichischen Anlagepsychologie eine besondere Stellung. Für die Generation, die die Hyperinflation der 1920er-Jahre oder die Währungsreformen nach dem Zweiten Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis trägt, ist physisches Gold ein archetypisches Symbol für Sicherheit. Heute dient es vor allem als Diversifikationsinstrument und Inflationsschutz. Gold erzeugt keine laufenden Erträge wie Dividenden oder Zinsen – der Gewinn entsteht ausschließlich durch Kurssteigung.

Das strukturelle Problem: Finanzbildung fehlt

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Laut Sparstudie 2024 schreiben sich nur 20 Prozent der Österreicher:innen gutes oder sehr gutes Wissen in Sachen Wertpapiere zu. 80 Prozent hingegen bewerten ihr Wissen als durchschnittlich bis ungenügend. Und 82 Prozent sagen, sie benötigen Beratung für ihre Anlageentscheidungen.

Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles: Finanzielle Allgemeinbildung ist in österreichischen Lehrplänen bislang kaum verankert. Zinseszins, Inflation, Aktienrisiko – Konzepte, die für langfristigen Vermögensaufbau grundlegend sind, werden in der Schule kaum vermittelt. Dabei wäre das Grundprinzip des Zinseszinseffekts einer der wertvollsten Lerninhalte überhaupt: Wer mit 25 Jahren beginnt, monatlich 200 Euro in einen renditestarken Sparplan zu investieren, accumulates bis zum Pensionsantritt bei 65 Jahren und einer angenommenen Rendite von 7 Prozent jährlich ein Kapital von über 500.000 Euro. Wer mit 35 Jahren startet, kommt auf etwa 240.000 Euro – weniger als die Hälfte, bei gleichem monatlichen Einsatz.

Zeit ist im Vermögensaufbau das wertvollste Gut. Und dieses Gut zu verschwenden, weil das nötige Wissen fehlt, ist eine der teuersten Konsequenzen mangelnder Finanzbildung.

Der regulatorische Rahmen: Schutz oder Bürokratie?

Österreich ist Teil des europäischen Kapitalmarktrechts. Die EU-Richtlinie MiFID II (Markets in Financial Instruments Directive) regelt seit 2018 streng, wie Anlageberatung zu erfolgen hat. Banken und Berater sind verpflichtet, das Risikoprofil der Kundschaft zu erfassen, Kosten transparent offenzulegen und nur geeignete Produkte zu empfehlen.

In der Praxis führt das zu teils aufwändigen Beratungsgesprächen und Dokumentationspflichten, die den Zugang zum Kapitalmarkt bürokratischer gestalten. Gleichzeitig schützt es unerfahrene Anleger:innen vor ungeeigneten Hochrisikoprodukten. Die FMA veröffentlicht regelmäßig Warnlisten zu unseriösen Angeboten und nicht autorisierten Anbietern – eine wichtige Ressource, gerade in einer Zeit, in der Social-Media-Plattformen von Finanzprodukten überschwemmt werden, die sich als risikolos und hochprofitabel verkleiden.

Der österreichische Einlagensicherungsfonds schützt Bankeinlagen pro Kunde und Bank bis zu 100.000 Euro im Falle einer Bankeninsolvenz. Wertpapiere – also Aktien, ETFs, Anleihen – fallen nicht darunter, da sie kein Bankguthaben sind, sondern eigene Vermögenswerte der Anleger:innen, die bei einer Bankenpleite getrennt vom Bankvermögen verwaltet werden.

Der europäische Vergleich: Wo steht Österreich?

Im europäischen Vergleich fällt Österreich durch eine vergleichsweise niedrige Aktionärsquote auf. In Schweden oder den Niederlanden investiert ein deutlich höherer Bevölkerungsanteil in Aktien und Fonds – nicht zuletzt, weil staatlich geförderte Altersvorsorgesysteme dort stärker auf Kapitalmarktprodukte setzen. In Österreich dominiert das staatliche Umlageverfahren der gesetzlichen Pensionsversicherung, was die Eigenverantwortung für die private Vorsorge historisch gemindert hat.

Das könnte sich ändern. Die demografische Entwicklung – weniger Erwerbstätige finanzieren mehr Pensionsbezieher:innen – erhöht den Druck auf das Umlageverfahren strukturell. Die Österreichische Sozialversicherung bietet Informationen zur staatlichen Pension; die prognostizierte Pensionslücke für viele Österreicher:innen macht deutlich, dass eine kapitalmarktbasierte Ergänzung für viele Generationen unvermeidlich wird.

Fazit: Mehr Wissen, weniger Angst

Die gute Nachricht lautet: Der Wandel hat begonnen. Die österreichische Anlagekultur entwickelt sich, wenn auch langsamer als in manchen anderen europäischen Ländern. Die schlechte Nachricht: Zeit ist knapp, und jedes Jahr, das mit unnötig niedrigen Renditen verbracht wird, lässt sich nicht zurückdrehen.

Das entscheidende Werkzeug ist nicht ein bestimmtes Finanzprodukt – es ist Wissen. Wer versteht, wie Diversifikation funktioniert, warum der Zinseszins langfristig so mächtig ist, und was die Inflationsrate mit dem Reallohn macht, trifft bessere Entscheidungen. Und bessere Entscheidungen bedeuten langfristig mehr finanzielle Sicherheit – für die eigene Pension, die der Familie, oder einfach für mehr Handlungsspielraum im Leben.

Das Sparbuch hat seinen Platz – als Notgroschen, als kurzfristige Liquiditätsreserve. Als alleinige Strategie für den Vermögensaufbau ist es in einem Zeitalter hartnäckiger Inflation und volatiler Kapitalmärkte aber schlicht nicht mehr ausreichend.

Browse Articles

Anmelden with