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data-start=”291″ data-end=”432″>Was Studien über den Zusammenhang zwischen Einkommen und Wohlbefinden verraten – und warum die Antwort komplizierter ist, als sie klingt. Geld erfüllt viele Funktionen: Es ist Tauschmittel, Wertaufbewahrung und Recheneinheit. Doch für viele Menschen soll es noch etwas anderes leisten – Glück kaufen. Diese Idee ist alt, aber sie hat in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, steigender Lebenshaltungskosten und sozialer Ungleichheit neue Brisanz. Die Forschung liefert dazu widersprüchliche Antworten – und ein Lehrstück darüber, wie eng wissenschaftliche Methodik und Interpretation miteinander verwoben sind. Die bekannteste Studie zu diesem Thema stammt von den Nobelpreisträgern Daniel Kahneman und Angus Deaton (Princeton University) aus dem Jahr 2010. Ihr Ergebnis machte weltweit Schlagzeilen: Geld steigere das emotionale Wohlbefinden – aber nur bis zu einem Jahreseinkommen von rund 75.000 US-Dollar (rund 70.000 Euro, inflationsbereinigt heute etwa 95.000 Euro). Danach flache der Effekt ab. Kahneman und Deaton unterschieden zwischen zwei Dimensionen des Glücks: „emotionalem Wohlbefinden“ (tägliche Gefühlslage) und „Lebenszufriedenheit“ (langfristige Bewertung des eigenen Lebens). Während die Lebenszufriedenheit mit höherem Einkommen kontinuierlich zunahm, zeigte das emotionale Wohlbefinden ein Plateau – ab einem gewissen Punkt machte zusätzliches Geld also keinen glücklicheren Alltag. Das Fazit war beruhigend und ernüchternd zugleich: Geld kann Sorgen lindern, aber Glück nicht kaufen. Wer wenig verdient, leidet häufiger unter Stress und Unsicherheit. Doch jenseits einer komfortablen Einkommensgrenze verliert Geld an psychologischem Nutzen. Zehn Jahre später stellte der US-Forscher Matthew Killingsworth (University of Pennsylvania) diese Annahme auf den Kopf. Seine 2020 veröffentlichte Studie, basierend auf Echtzeitdaten von über 33.000 Teilnehmern, fand keine Glücksgrenze. Der Unterschied lag in der Methode: Killingsworth ließ die Befragten ihr Wohlbefinden mehrmals täglich per Smartphone-App bewerten, statt sie rückblickend nach dem gestrigen Tag zu fragen. Ergebnis: Das Wohlbefinden stieg auch jenseits hoher Einkommen weiter an – und zwar gleichmäßig. Mit anderen Worten: Der vermeintliche Deckel des Glücks war verschwunden. Höhere Einkommen gingen durchwegs mit positiveren Gefühlen einher – allerdings nicht automatisch, sondern mit abnehmender Intensität. 2022 versuchten Kahneman und Killingsworth gemeinsam mit der Psychologin Barbara Mellers, die widersprüchlichen Befunde zu vereinen. Das Ergebnis: Beide Seiten hatten recht – teilweise. In ihrer gemeinsamen Studie zeigte sich, dass das Einkommen bei den unglücklichsten 20 Prozent der Befragten tatsächlich irgendwann keinen Unterschied mehr machte. Wer also grundsätzlich unzufrieden ist, findet auch in höherem Einkommen kaum emotionale Entlastung. Bei der Mehrheit hingegen stieg das Wohlbefinden mit dem Einkommen weiter an – und bei den glücklichsten 30 Prozent sogar überproportional. Ab etwa 100.000 US-Dollar Jahresverdienst nahm das Glück noch stärker zu. Das Geld schien also vor allem dann Glück zu verstärken, wenn bereits eine positive Grundhaltung vorhanden war. Kurz gesagt: Geld hilft – aber nur, wenn man ohnehin auf einem stabilen emotionalen Fundament steht. In Europa fällt die Diskussion oft anders aus als in den USA. Hier steht weniger der Traum vom Reichtum im Vordergrund als der Wunsch nach finanzieller Sicherheit. Laut einer Eurobarometer-Erhebung von 2024 nannten 72 Prozent der Europäer:innen „Sorgen um finanzielle Stabilität“ als eine der größten Belastungen. Besonders in Österreich, wo die Lebenshaltungskosten zuletzt stark gestiegen sind, spielt Geld eine doppelte Rolle: als Stressfaktor und als Schutzschild. Eine Untersuchung der Universität Wien (2023) zeigt, dass Personen mit stabiler finanzieller Lage im Durchschnitt um 18 Prozent höheres psychisches Wohlbefinden angeben als jene mit Einkommensunsicherheit – unabhängig von der absoluten Höhe des Einkommens. Entscheidend ist also weniger, wie viel jemand hat, sondern wie sicher das Einkommen empfunden wird. Beispielhaft zeigt sich das am Thema Wohnen: Wer in Wien oder Graz monatlich mehr als 40 Prozent seines Einkommens für Miete ausgibt, berichtet laut Statistik Austria doppelt so häufig über Stress und Schlafprobleme wie Haushalte mit niedrigerer Wohnkostenquote. Geld kauft also nicht Glück – aber es kann Ruhe und Stabilität schaffen, die eine Voraussetzung für Wohlbefinden sind. Die „Glücksgrenze“ ist kein universelles Gesetz, sondern eine statistische Tendenz. Sie kann helfen, gesellschaftliche Muster zu verstehen, sagt aber wenig über das Individuum aus. Die Forschung zeigt, dass Glück multifaktoriell ist: Einkommen, Gesundheit, soziale Beziehungen, Sinn im Beruf und Freizeitgestaltung greifen ineinander. Wirtschaftspsycholog:innen betonen, dass die Art, wie Geld verwendet wird, entscheidender ist als die Höhe des Betrags. Wer Geld in Erlebnisse, soziale Aktivitäten oder Zeitersparnis investiert – etwa durch kürzere Arbeitszeiten oder Reisen –, profitiert stärker als jemand, der es in Konsumgüter steckt. Die Harvard-Studie „Grant and Glueck“ etwa, eine Langzeituntersuchung über 85 Jahre, zeigt: Der wichtigste Glücksfaktor im Alter sind nicht Einkommen oder Vermögen, sondern enge soziale Beziehungen. Geld kann solche Verbindungen erleichtern – ersetzen kann es sie nicht. Die Debatte über Geld und Glück ist letztlich auch eine über Werte. Für die einen bedeutet Wohlstand Freiheit, für andere Sicherheit oder Status. Doch egal wie die Statistiken ausfallen: Glück bleibt ein persönliches Konstrukt. Kahneman, der 2024 verstarb, sagte einmal in einem Interview: „Geld kauft dir die Freiheit, dich auf Dinge zu konzentrieren, die wirklich zählen – aber es sagt dir nicht, was diese Dinge sind.“ Vielleicht ist genau das die eigentliche Lektion: Geld kann Sorgen verringern, Möglichkeiten erweitern und Lebensqualität verbessern. Doch die entscheidende Währung des Glücks bleibt Zeit – und wie sie genutzt wird. Bernhard Führer ist Autor des Buches „Fehler und Risiken die alle Anleger und Investoren begehen“ und weiterer Bücher über persönliche Finanzen, Publizist, Dozent und Betriebswirt und verfügt über mehr als 25 Jahre Investmenterfahrung. Er ist Gründer und Leiter der unabhängigen Vermögensplanungsgesellschaft Strategy & plan, der Vermögensverwaltung TKA Funds, welche sich dem Bereich der Geldanlage und Vermögensveranlagung widmen. Er wendet seine langjährig gesammelten Erkenntnisse auf die Analyse und Konzeption von Vermögenswerten und beständigen Portfolios an. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit dem nachhaltigen Schutz von Vermögenswerten und mit Familien- und Nachfolgeplanungen. Er ist Windhag Leistungsstipendiat, Stipendiat der Michael von Zoller-Stiftung, der Karl Seitz- und Julius-Raab-Stiftung. Seit jeher ist er in verschiedenen Freiwilligenorganisationen, im sozialen Bereich und in der Hilfe für den Nächsten engagiert. Magst du my Geldanlage? Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende. Bernhard Führer ist Autor des Buches „Fehler und Risiken die alle Anleger und Investoren begehen“ und weiterer Bücher über persönliche Finanzen, Publizist, Dozent und Betriebswirt und verfügt über mehr als 25 Jahre Investmenterfahrung. Er ist Gründer und Leiter der unabhängigen Vermögensplanungsgesellschaft Strategy & plan, der Vermögensverwaltung TKA Funds, welche sich dem Bereich der Geldanlage und Vermögensveranlagung widmen. Er wendet seine langjährig gesammelten Erkenntnisse auf die Analyse und Konzeption von Vermögenswerten und beständigen Portfolios an. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit dem nachhaltigen Schutz von Vermögenswerten und mit Familien- und Nachfolgeplanungen. Er ist Windhag Leistungsstipendiat, Stipendiat der Michael von Zoller-Stiftung, der Karl Seitz- und Julius-Raab-Stiftung. Seit jeher ist er in verschiedenen Freiwilligenorganisationen, im sozialen Bereich und in der Hilfe für den Nächsten engagiert. Magst du my Geldanlage? 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