Reichtum entsteht durch Kapital, nicht durch Arbeit

| July 16, 2026|Categories: Erbe und Nachlassplanung|

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Das Vermögen der wohlhabenden Bevölkerung, also jener rund 25,3 Millionen Menschen weltweit mit einem investierbaren Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar, hat 2025 laut dem Capgemini World Wealth Report 2026 mit rund 98,3 Billionen US-Dollar einen neuen Rekord markiert: ein Plus von 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der stärkste jährliche Zuwachs seit fünf Jahren. Dieses Wachstum wurde von robusten Unternehmensgewinnen und einer massiven Kapitalkonzentration in KI-fokussierten Unternehmen getragen, die die Aktienmärkte weltweit beflügelten. Gleichzeitig bleibt die Vermögensverteilung innerhalb Europas höchst ungleich, und die Gruppe der wirklich Superreichen wächst überproportional weiter.

Ein Klub mit ungeschriebenen Regeln

Wer die Forbes-Liste oder das Bloomberg-Milliardärsranking aufschlägt, stößt auf ein Muster, das auf den ersten Blick fast zu offensichtlich wirkt: Die reichsten Menschen der Welt sind männlich, jenseits der vierzig, und acht von zehn stammen aus den Vereinigten Staaten. Bernard Arnault, CEO des Luxusgüterkonzerns LVMH und zeitweise der reichste Mensch der Welt, ist die europäische Ausnahme und zugleich einer der wenigen unter den Top Ten, der sein Vermögen nicht im Technologiesektor aufgebaut hat.

Doch es gibt subtilere Gemeinsamkeiten. Rund die Hälfte der zehn reichsten Männer weltweit hat einen Migrationshintergrund. Elon Musk wuchs in Südafrika auf. Nvidia-Gründer Jensen Huang wurde in Taiwan geboren und wanderte als Kind in die USA ein. Google-Mitgründer Sergey Brin kam aus Russland. Studien legen nahe, dass im Ausland geborene Gründerinnen und Gründer im amerikanischen Unternehmertum überproportional vertreten sind. Die American Economic Review bezeichnet sie als eher “Jobschaffer” denn “Jobnehmer”.

Was jedoch oft aus dem Bild fällt: Diese Milliardäre starteten fast alle von einem erheblichen Vorsprung. Viele stammen aus akademisch oder wirtschaftlich privilegierten Familien. Jeff Bezos erhielt von Mutter und Stiefvater ein Startkapital von rund 250.000 US-Dollar, ein Detail, das in der Legende gerne untergeht. Warren Buffett kaufte mit elf Jahren seine erste Aktie. Jensen Huang wusste mit zwölf, dass er Gründer werden wollte. Was diese Biografien eint, ist weniger ein Wunder als eine Kombination aus früh geförderten Talenten, stabilen familiären Verhältnissen und dem Zugang zu Netzwerken, die sich an Elite-Universitäten wie Harvard oder Stanford knüpfen lassen. Wer dort studiert, gelangt schlicht leichter an Risikokapital als jemand, der es nicht tut.

Der eigentliche Motor: Kapital schlägt Arbeit

Das Phänomen der Superreichen lässt sich nicht verstehen, ohne den grundlegenden Mechanismus hinter moderner Vermögensbildung zu begreifen. Wer ein Arbeitseinkommen erzielt, zahlt in den meisten europäischen Steuersystemen deutlich höhere Abgaben als jemand, der denselben Betrag durch Kapitalerträge generiert. In Österreich beträgt der Spitzensteuersatz auf Arbeitseinkommen 55 Prozent, die Kapitalertragsteuer (KESt) auf Dividenden und Kursgewinne liegt bei lediglich 27,5 Prozent. Superreiche beziehen ihr Einkommen jedoch kaum aus Löhnen, sondern aus dem Anstieg ihrer Unternehmensanteile, aus Dividenden und Immobiliengewinnen. Dieser strukturelle Unterschied ist einer der wesentlichen Gründe, warum die EU Tax Observatory immer wieder zum selben Ergebnis kommt: Die effektive Steuerquote der Superreichen liegt in vielen Ländern zwischen 15 und 25 Prozent ihres Einkommens, während die Mittelschicht je nach Land zwischen 35 und 55 Prozent abgibt.

Die Konsequenz ist eine Vermögenskonzentration, die historisch kaum Parallelen hat. Laut der Europäischen Zentralbank kontrollierten Anfang 2025 die reichsten fünf Prozent der Bevölkerung in der Eurozone rund 45 Prozent des gesamten Nettovermögens, die reichsten zehn Prozent sogar 57,4 Prozent. In Österreich ist die Schieflage noch ausgeprägter: Laut einer Auswertung des Momentum-Instituts besitzen die fünf vermögendsten Prozent der Haushalte mehr als 55 Prozent des gesamten privaten Nettovermögens – der höchste Wert im gesamten Euroraum und zwölf Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt. Beim Unternehmensvermögen sind die Verhältnisse noch extremer: 95 Prozent davon liegen in den Händen des reichsten Zehntels.

Und die Dynamik verstärkt sich: Laut einer Analyse des ÖGB konnten die fünf reichsten Prozent der österreichischen Haushalte ihr Nettovermögen seit Beginn der Teuerungskrise im Schnitt um fast 775.000 Euro pro Haushalt steigern. Während die Inflation die Kaufkraft von Lohnbezieherinnen und Lohnbeziehern real schmälerte, profitierten Vermögende von steigenden Sachwertpreisen, Aktien, Immobilien und Unternehmensanteile. Das ist kein Zufall, sondern Systemlogik: Wer Kapital hat, das für ihn arbeitet, ist strukturell im Vorteil gegenüber jemandem, der ausschließlich seine Arbeitskraft einsetzt. Diesen Mechanismus hat der Ökonom Thomas Piketty mit der Formel r > g beschrieben: Wenn die Kapitalrendite langfristig höher ist als das Wirtschaftswachstum, führt das unweigerlich zu einer Konzentration des Wohlstands.

Die Steuerdebatte: Gut gemeint, aber wie gut gemacht?

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass die Diskussion um eine stärkere Besteuerung großer Vermögen in Europa wieder Fahrt aufgenommen hat. Frankreich, das mit einem Haushaltsdefizit von über 160 Milliarden Euro – mehr als fünf Prozent des BIP – unter enormem fiskalischem Druck steht, debattiert intensiv über eine Abgabe für Hochvermögende. Der Ökonom Gabriel Zucman legte dem G20-Finanzministertreffen 2024 einen Bericht vor, der eine Mindeststeuer von zwei Prozent auf Vermögen über 100 Millionen US-Dollar vorschlägt. Da viele Milliardäre derzeit im Durchschnitt lediglich 0,3 Prozent ihres Vermögens als Steuer abgeben, wäre die Differenz erheblich. Für Frankreich allein rechnet Zucman mit Einnahmen von 15 bis 20 Milliarden Euro jährlich.

Auf EU-Ebene hat die Europäische Kommission eine Machbarkeitsstudie zu einer koordinierten Milliardärssteuer in Auftrag gegeben. Zucmans Berechnungen zufolge würden dabei im gesamten Euroraum jährlich über 42 Milliarden Euro zusammenkommen. Die Grundstimmung in der Bevölkerung ist eindeutig: Ein Eurobarometer ergab, dass fast zwei Drittel der EU-Bürgerinnen und -Bürger eine stärkere Besteuerung von Hochvermögenden befürworten. In Frankreich liegt die Zustimmung zu Zucmans Vorschlag sogar bei 86 Prozent. Doch politische Popularität und wirtschaftliche Sinnhaftigkeit sind nicht dasselbe.

Die strukturellen Probleme einer Vermögenssteuer

Österreich schaffte seine Vermögenssteuer 1994 ab, Deutschland folgte 1997, Schweden 2007, Frankreich selbst 2018. Heute erheben innerhalb Europas nur noch drei Länder eine Steuer auf Nettovermögen: Norwegen, Spanien und die Schweiz. Die Gründe für die sukzessive Abkehr sind dokumentiert: Vermögenssteuern brachten weniger ein als erhofft, waren administrativ aufwendig und führten in manchen Fällen zu Kapitalabflüssen.

Das fundamentalste Problem ist die Bewertungsfrage. Börsennotierte Aktien lassen sich tagesgenau bewerten, aber was ist ein Anteil an einem Familienunternehmen wert, das seit Generationen nicht am Markt gehandelt wurde? Oder eine Kunstsammlung? Jede Antwort ist letztlich eine Schätzung, angreifbar und kostspielig zu ermitteln. Der administrative Aufwand frisst einen erheblichen Teil der potenziellen Einnahmen wieder auf.

Hinzu kommt das klassische Argument der Mobilität. Als Frankreich 2012/13 die Steuerlast für Hochvermögende temporär erhöhte, stieg die Abwanderungsquote, allerdings weit weniger dramatisch als von Kritikern prognostiziert. Eine unabhängige Analyse ergab, dass die Emigrationsrate um nicht einmal einen Prozentpunkt stieg. Die Drohung mit dem Koffer ist real, wird von Interessenvertretern aber systematisch übertrieben.

Dass manche Vermögende selbst der Meinung sind, mehr zahlen zu müssen, zeigt sich daran, dass beim Weltwirtschaftsforum in Davos 200 Millionäre und Milliardäre in einem offenen Brief genau das gefordert haben. Auch Marlene Engelhorn, österreichische Erbin, hat einen Großteil ihres geerbten Kapitals von knapp 25 Millionen Euro an gemeinnützige Organisationen übertragen.

Was die Steuerdebatte verschleiert

Trotz ihrer moralischen Anziehungskraft sollte man die Erwartungen an eine Vermögenssteuer nüchtern kalibrieren. Der Anteil der Vermögenssteuer am gesamten Steueraufkommen ist selbst in Ländern, die sie erheben, gering: In der Schweiz machten Einnahmen aus der Vermögenssteuer 2023 lediglich 4,3 Prozent des Gesamtaufkommens aus, in Norwegen 1,5 Prozent, in Spanien gar nur 0,6 Prozent. Sie ist kein fiskalisches Wundermittel, sondern ein Signal und vielleicht ein Korrektiv, das aber keine Haushaltslöcher in strukturell relevanter Größenordnung schließt.

Was die Debatte außerdem verdrängt: Die eigentliche steuerliche Lücke entsteht nicht bei der Besteuerung von Vermögensbeständen, sondern bei den Kapitalerträgen. Reiche zahlen auf Kapitaleinkommen strukturell weniger als auf Arbeitseinkommen, und genau hier würde eine Annäherung der Steuersätze die größte Wirkung entfalten. Wer sich zudem die besten Steuerberaterinnen und -berater leisten kann, nutzt legale Schlupflöcher in einem Ausmaß, das Lohnbezieherinnen und Lohnbeziehern schlicht nicht zugänglich ist.

Das Mirrlees Review des Institute for Fiscal Studies, der umfassendste akademische Überblick zur Steuerpolitik in Europa, hat darauf hingewiesen, dass gut konzipierte Erbschafts- und Kapitalgewinnsteuern einer Vermögenssteuer überlegen sein können, bei geringerem Verwaltungsaufwand und weniger wirtschaftlichen Verzerrungen.

Was bleibt

Die Konzentration von Vermögen in Europa, und besonders in Österreich, ist eine statistische Tatsache. Dass die reichsten fünf Prozent der Bevölkerung hierzulande mehr als die Hälfte des privaten Nettovermögens halten, während die effektiven Steuersätze mit wachsendem Kapitalvermögen tendenziell sinken, ist ein strukturelles Problem, das politisch adressiert werden könnte.

Ob eine Vermögenssteuer das richtige Instrument ist, bleibt offen. Die historische Evidenz ist gemischt, die administrativen Herausforderungen sind real, und gut gemeinte Maßnahmen ohne ausreichende internationale Koordination bedienen oft die Symbolik, verfehlen aber die Substanz.
Was klarer ist: Der Unterschied zwischen jemandem, der sein Einkommen aus Arbeit bezieht, und jemandem, der von Kapitalerträgen lebt, ist nicht nur eine Frage persönlicher Entscheidungen, es ist vor allem eine Frage des Steuersystems. Und das ist eine Debatte, die Europa noch lange beschäftigen wird.

Wie sehen Sie das?

Ist unser Steuersystem gegenüber Kapital tatsächlich zu großzügig oder wird die Debatte über Vermögenssteuern zu emotional geführt? Brauchen wir eine Vermögenssteuer oder liegt das eigentliche Problem ganz woanders? Wo würden Sie ansetzen: bei Vermögen, Erbschaften oder Kapitalerträgen? (Bernhard Führer, 2.7.2026)

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