SHARE Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu einem Arzt. Der Arzt stellt die Diagnose, verschreibt Ihnen das Medikament, produziert das zu verschreibende Medikament und verkauft es Ihnen dann noch. Viele Menschen hätten dabei ein mulmiges Gefühl. In der Finanzbranche sind solche Konstellationen in der Mehrzahl der Fälle jedoch anzutreffen. Die Finanzbranche verdient Milliarden damit, dass Anleger aktiv gemanagte Fonds kaufen – obwohl die Daten das Gegenteil beweisen. Ist das ein Systemfehler oder ein struktureller Interessenkonflikt? Würden Sie einem Arzt vertrauen, der Ihnen ein Medikament verkauft, das er selbst nicht einnimmt? Warum akzeptieren wir das bei Fondsmanagern? Laut einer Langzeitstudie schaffen es 91,8 % der aktiv gemanagten Fonds über 20 Jahre nicht, ihren Vergleichsindex zu übertreffen. Warum investieren trotzdem Millionen Menschen in genau diese Fonds? Eine unbequeme Wahrheit über aktive Fonds, die Ihnen die Fondsbranche lieber nicht erzählt. Seit 2002 veröffentlicht S&P Global den sogenannten SPIVA-Report. Halbjährlich wird darin gemessen, wie aktiv gemanagte Fonds im Vergleich zu ihren jeweiligen Benchmarks (= Durchschnitt) abschneiden. Die Ergebnisse des aktuellsten Reports für den 20-Jahres-Zeitraum bis Ende 2025 sind eindeutig: 79 Prozent aller großen Aktienfonds lagen über diese zwei Jahrzehnte hinter ihrem Vergleichsindex. Das klingt ernüchternd – ist aber erst der Anfang. Nach 15 Jahren gab es in keiner einzigen Kategorie – weder bei inländischen noch bei internationalen Aktien noch bei Anleihen – eine Mehrheit aktiver Manager, die ihren Benchmark übertreffen konnten. Die Ausfallraten für US-amerikanische Large-Cap-Aktienfonds verdichten das Bild weiter: Nach einem Jahr erzielen 57 Prozent schlechtere Leistungen als deren Vergleichsindex, nach fünf Jahren 77,3 Prozent, nach zehn Jahren 84,7. Zeit ist in diesem Kontext kein Verbündeter, sondern ein Feind. Je länger der Betrachtungszeitraum, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ein aktiv gemanagter Fonds hinter seiner Benchmark zurückbleibt. Ein kleiner Casino-Vergleich: Wer beim Roulette auf Rot oder Schwarz setzt, hat eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 47,4 Prozent. Die Chance, einen aktiven Fonds zu wählen, der den Markt langfristig schlägt, liegt laut SPIVA-Daten über 20 Jahre bei gerade einmal 8,2 Prozent. Das Casino schneidet statistisch besser ab. Warum ist aktives Management strukturell im Nachteil? Die Antwort liegt nicht primär im fehlenden Talent der Manager, sondern in einer schlichten mathematischen Realität. Wer sich die Performancetabellen der Fondsbranche ansieht, bekommt ein verzerrtes Bild. Laut SPIVA-Forschung wurden über den 20-Jahres-Zeitraum annähernd zwei Drittel der internationalen Aktienfonds geschlossen oder in andere Fonds eingegliedert. Ihre schlechten Ergebnisse verschwinden damit aus den historischen Aufzeichnungen. Was bleibt, sind die Überlebenden – und diese sehen naturgemäß besser aus als die Gesamtheit. Der SPIVA-Report trägt dem Rechnung: Die Daten berücksichtigen auch jene Fonds, die zwischenzeitlich liquidiert oder fusioniert wurden, um eine realistischere Vergleichsbasis zu schaffen. Ohne diese Bereinigung würde das ohnehin ernüchternde Bild noch freundlicher wirken, als es tatsächlich ist. Wenn die Evidenz so eindeutig ist, warum existieren dann aktive Fonds noch in ihrem heutigen Umfang? Die Studie von Millo, Spence und Valentine spricht von „epistemischem Opportunismus” – der Tendenz der Branche, die eigene Existenz trotz überwältigender Gegenbeweise zu verteidigen. Aktive Manager versprechen Mehrwert in Börsencrashs – als COVID-19 die globalen Märkte im Jahr 2020 abstürzen ließ, erzielten trotzdem fast die Hälfte der Aktienfonds schlechtere Erträge als der Durchschnitt. Sie behaupten, für ESG-konformes Investieren unverzichtbar zu sein – dabei haben inzwischen auch passive Anbieter erhebliche Ressourcen für Aktionärsengagement aufgebaut. Der eigentliche Grund für das Fortbestehen der Branche liegt woanders: in strukturellen Fehlanreizen: Hauseigene Fonds, mangelnde Unabhängigkeit, höhere Margen für die Konzerne. Fondsmanager, ihre Firmen, ihre Karrierewege – all das hängt davon ab, dass die Überzeugung aufrechterhalten wird, aktives Management erzeuge Mehrwert. Die Branche ist zu einer Gemeinschaft geworden, deren Gewohnheiten und Denkmuster sich nur schwer ändern lassen, selbst wenn erdrückende Beweise zeigen, dass das, was getan wird, die meiste Zeit nicht funktioniert. Die beschriebenen Muster gelten nicht nur für den US-amerikanischen Markt. Laut SPIVA-Daten für Europa zeigt sich über längere Zeiträume ein ähnliches Bild: Über 10 Jahre erzielen die meisten aktiven Fonds der europäischen Aktienkategorien (zwischen 75 und 90 Prozent) schlechtere Erträge als der Durchschnitt. Auch österreichische und deutsche Anleger, die in aktiv verwaltete Fonds investieren, zahlen Gebühren, die im Durchschnitt schwer durch Mehrrenditen zu rechtfertigen sind. Dass das Bewusstsein dafür langsam wächst, zeigt das Aktienbarometer 2026 der Wiener Börse: Bereits 31 Prozent der österreichischen Wohnbevölkerung – rund 2,4 Millionen Menschen – besitzen Wertpapiere wie Aktien, Anleihen oder ETFs. 2022 waren es erst 25 Prozent. Ein echter Fortschritt, aber noch immer weit hinter Ländern wie Schweden oder den Niederlanden. Die akademische Forschung, die Daten von SPIVA und die öffentlichen wie privaten Aussagen erfolgreicher Marktteilnehmer zeichnen ein konsistentes Bild: Aktives Fondsmanagement liefert im Durchschnitt keine Überrendite gegenüber Indexfonds – und zwar strukturell bedingt, nicht wegen fehlender Kompetenz im Einzelfall. Haben Sie selbst schon Erfahrungen mit aktiven Fonds gemacht? Waren Sie zufrieden? Was glauben Sie: Warum investieren trotz dieser Daten noch so viele Menschen in aktive Fonds? Wenn über 90 % der Fonds langfristig scheitern: Warum ist aktives Fondsmanagement noch immer die Standardempfehlung vieler Konzerne und Banken? (Bernhard Führer, 23.7.2026) Bernhard Führer ist Anlageberater, Financial Planner und Anlageexperte. Außerdem ist er Gründer und Leiter der unabhängigen Vermögensplanungsgesellschaft Strategy & plan sowie VP VermögensPlanning, Autor, Dozent und Betriebswirt. Bernhard Führer ist Anlageberater, Financial Planner und Anlageexperte. Außerdem ist er Gründer und Leiter der unabhängigen Vermögensplanungsgesellschaft Strategy & plan sowie VP VermögensPlanning, Autor, Dozent und Betriebswirt.Warum aktive Fonds meist nicht gewinnen
Die Zahlen, die die Branche lieber verschweigt
Kosten: das unterschätzte Fundament
Ein typischer Indexfonds kostet rund 0,05 bis 0,9 Prozent pro Jahr. Aktive Fonds verlangen häufig zwischen 0,75 und 3,5 Prozent – manchmal mehr. Ein aktiver Manager, der 1 Prozent Gebühren verlangt, muss den Markt jedes einzelne Jahr um mehr als einen Prozentpunkt schlagen, nur um nach Kosten gleichzuziehen.
Was das im Laufe der Zeit bedeutet, lässt sich konkret beziffern: Wer 100.000 Euro für 30 Jahre zu einer angenommenen jährlichen Bruttorendite von 7 Prozent anlegt, kommt mit einem Indexfonds (0,05 Prozent Kosten) auf rund 726.000 Euro. Bei einem aktiven Fonds mit 1 Prozent Gebühren, der vor Kosten dieselbe Marktrendite erzielt, landen nach 30 Jahren nur rund 574.000 Euro – ein Unterschied von 152.000 Euro, allein durch Kosten.
Das setzt voraus, dass der aktive Fonds die Marktrendite vor Kosten überhaupt erreicht – was, wie gezeigt, für die große Mehrheit nicht gilt. Um es auf den Punkt zu bringen: Da der Marktindex den gewichteten Durchschnitt aller Marktteilnehmer darstellt und aktive Fonds Kosten abziehen, während der Index dies nicht tut, muss nach Abzug der Gebühren mehr als die Hälfte aller aktiven Manager schlechter abschneiden. Nicht als Möglichkeit – als mathematische Notwendigkeit.Was die Profis mit ihrem eigenen Geld machen
Besonders aufschlussreich ist nicht das, was Fondsmanager öffentlich sagen, sondern was sie privat tun. Eine Studie von Millo, Spence und Valentine aus dem Jahr 2023 untersuchte genau diese Diskrepanz. Das Ergebnis: Manche aktiven Fondsmanager halten ihr gesamtes Privatvermögen in Indexfonds.Warum die Branche trotzdem floriert
Was die Daten über Europa sagen
Was bleibt
Das bedeutet nicht, dass jeder aktive Fonds scheitert. Es bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, denjenigen zu finden, der nicht scheitert, und ihn rechtzeitig zu identifizieren, erschreckend gering ist. Und dass die Kosten der Suche selbst dann anfallen, wenn die Suche scheitert.Was sagen Sie?
Browse Articles
