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Die Frage, wie Geld angelegt wird, ist weniger technisch, als sie auf den ersten Blick wirkt. Sie hat weniger mit Formeln zu tun als mit Lebensphasen. Einkommen, Verpflichtungen, Sicherheit und Zeit verändern sich – und damit auch das Verhältnis von Risiko und Stabilität im Portfolio. Lange Zeit galt eine einfache Faustregel als ausreichend: „100 minus Lebensalter“ ergibt den Aktienanteil. Mit 30 also 70 Prozent Aktien, mit 60 noch 40 Prozent. Moderne Varianten verschieben die Zahl auf 110 oder 120. Auch sogenannte Zieldatumfonds folgen diesem Prinzip und reduzieren den Aktienanteil automatisch, je näher der Ruhestand rückt. Diese Logik ist nicht falsch. Sie greift aber zu kurz. Denn finanzielles Risiko entsteht nicht nur im Depot, sondern im gesamten Leben. Klassische Anlageempfehlungen betrachten fast ausschließlich Kursschwankungen. In der Realität tragen Menschen jedoch gleichzeitig viele andere Risiken: Kredite, Kinder, Wohnkosten, gesundheitliche Unsicherheiten oder Pflegeverpflichtungen. Ein 45-jähriger Angestellter mit zwei Kindern, Wohnkredit und laufenden Fixkosten ist in einer verletzlicheren Lage als eine 65-jährige Pensionistin mit schuldenfreiem Eigentum und gesicherter Pension – selbst wenn Erstere theoretisch mehr Zeit hat, Börsenverluste auszugleichen. In Europa ist dieser Aspekt besonders relevant. Laut Eurostat entfallen in Haushalten zwischen 40 und 55 Jahren im Schnitt über 30 Prozent der Ausgaben auf Wohnen, zusätzlich kommen Bildungskosten und Betreuungspflichten. Das sind reale Verpflichtungen, die wenig Spielraum für finanzielle Experimente lassen. Ein sinnvoller Blick auf Vermögensaufteilung bezieht daher nicht nur das Alter ein, sondern die gesamte Risikolandschaft. In den frühen Berufsjahren ist das finanzielle Vermögen meist überschaubar, das künftige Einkommen hingegen hoch. Ökonomisch betrachtet ist das Humankapital in dieser Phase der wichtigste Vermögenswert. Fehler an den Finanzmärkten sind hier relativ günstig. Wer mit 5.000 Euro Anlagevermögen einen Kursrückgang erlebt, verliert weniger als jemand mit 200.000 Euro – selbst wenn die Prozentzahl identisch ist. Deshalb eignen sich diese Jahre, um die eigene Risikotoleranz kennenzulernen. Gleichzeitig ist der Hebel außerhalb des Depots größer als darin. Ein höheres Einkommen wirkt stärker als jede Optimierung der Asset-Allokation. Ein Rechenbeispiel: Zehn Prozent Rendite auf 2.000 Euro ergeben 200 Euro im Jahr. Eine Gehaltserhöhung um 200 Euro netto pro Monat hingegen bringt 2.400 Euro jährlich – dauerhaft. Mindestens genauso entscheidend sind Gewohnheiten. Regelmäßiges Sparen, auch in kleinen Beträgen, lässt sich mit steigendem Einkommen leicht ausbauen. Studien der Europäischen Zentralbank zeigen, dass frühes Sparverhalten stark mit langfristigem Vermögensaufbau korreliert – unabhängig von der anfänglichen Sparhöhe. Mit zunehmender Berufserfahrung steigen Einkommen und Vermögen, gleichzeitig treten große Ausgaben auf: Wohnungskauf, Familiengründung, längere Karenzzeiten. Diese Ziele erfordern Planung. Geld, das in absehbarer Zeit benötigt wird, sollte nicht denselben Risiken ausgesetzt sein wie langfristiges Altersvorsorgekapital. Wer etwa innerhalb von drei Jahren Eigenmittel für Wohneigentum benötigt, ist mit Tagesgeld, kurzfristigen Anleihen oder Bausparmodellen besser bedient als mit Aktienfonds. Für länger entfernte Ziele kann schrittweise Risiko eingegangen werden. Wichtig ist die Trennung: langfristige Anlagen dürfen schwanken, kurzfristige Rücklagen nicht. Diese Priorisierung ist oft wichtiger als die exakte Prozentzahl im Depot. In dieser Lebensphase erreichen Ausgaben und Verpflichtungen häufig ihren Höhepunkt. Hypotheken laufen, Kinder kosten Geld, Eltern benötigen Unterstützung. Gleichzeitig ist das Einkommen meist am höchsten. Historisch betrachtet sind dies die Jahrzehnte, in denen finanzielle Fehlentscheidungen besonders schmerzhaft sind. Die Finanzkrise 2008 traf viele europäische Haushalte genau in dieser Phase – mit fixen Krediten, aber stark schwankenden Vermögenswerten. Drei Maßnahmen gewinnen hier an Bedeutung: Absicherung: Wohngebäude-, Haftpflicht- und gegebenenfalls Zusatzversicherungen sollten realistisch geprüft werden. Unterversicherung ist in Europa ein häufig unterschätztes Risiko. Liquidität: Ein Notgroschen von sechs bis zwölf Monatsausgaben ist in dieser Phase kein Luxus, sondern Stabilitätsfaktor. Risikoreduktion: Eine moderate Umschichtung zugunsten stabilerer Anlageklassen kann helfen, Verpflichtungen besser abzusichern. Ziel ist nicht maximale Rendite, sondern Durchhaltefähigkeit. Gleichzeitig ist es oft der letzte Abschnitt mit hohem Sparpotenzial. Zusätzliche Einzahlungen wirken hier stärker als spätere Renditeoptimierung. Ab diesem Punkt unterscheiden sich finanzielle Situationen stark. Manche gehen schuldenfrei und mit Rücklagen in den Ruhestand, andere müssen mit knappen Budgets haushalten. Entsprechend unterschiedlich sollte die Vermögensstruktur sein. Historische Daten – etwa von Vanguard oder europäischen Pensionsfonds – zeigen: Ein Portfolio mit hohem Aktienanteil kann über Jahrzehnte höhere Erträge bringen, aber zwischenzeitliche Verluste von 30 Prozent und mehr sind keine Ausnahme. Ob solche Schwankungen tragbar sind, hängt nicht vom Alter allein ab, sondern von Ausgaben, zusätzlichem Einkommen, Vermögen und Zielen. Wer Vermögen vererben möchte, kann mehr Risiko tragen als jemand, der jeden Euro für den Lebensunterhalt benötigt. Paradoxerweise können wohlhabendere Haushalte mehr Risiko eingehen als weniger vermögende. Das erklärt mit, warum Vermögensunterschiede im Alter häufig weiter wachsen. Das Alter ist ein sinnvoller Anhaltspunkt für die Vermögensaufteilung – aber kein Entscheidungsersatz. Einkommen, Verpflichtungen, Sicherheit und persönliche Belastbarkeit sind mindestens genauso relevant. Standardregeln bieten Orientierung, ersetzen aber kein Nachdenken über die eigene Situation. Finanzielle Planung funktioniert besser, wenn sie vom Leben ausgeht – und nicht umgekehrt. Genau darin liegt auch der Grund, warum es keine einfache, universelle Lösung gibt. Wer diese Komplexität akzeptiert, trifft meist robustere Entscheidungen als jene, die sich auf starre Prozentzahlen verlassen. Bernhard Führer ist Autor des Buches „Fehler und Risiken die alle Anleger und Investoren begehen“ und weiterer Bücher über persönliche Finanzen, Publizist, Dozent und Betriebswirt und verfügt über mehr als 25 Jahre Investmenterfahrung. Er ist Gründer und Leiter der unabhängigen Vermögensplanungsgesellschaft Strategy & plan, der Vermögensverwaltung TKA Funds, welche sich dem Bereich der Geldanlage und Vermögensveranlagung widmen. Er wendet seine langjährig gesammelten Erkenntnisse auf die Analyse und Konzeption von Vermögenswerten und beständigen Portfolios an. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit dem nachhaltigen Schutz von Vermögenswerten und mit Familien- und Nachfolgeplanungen. Er ist Windhag Leistungsstipendiat, Stipendiat der Michael von Zoller-Stiftung, der Karl Seitz- und Julius-Raab-Stiftung. Seit jeher ist er in verschiedenen Freiwilligenorganisationen, im sozialen Bereich und in der Hilfe für den Nächsten engagiert. Magst du my Geldanlage? Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende. Bernhard Führer ist Autor des Buches „Fehler und Risiken die alle Anleger und Investoren begehen“ und weiterer Bücher über persönliche Finanzen, Publizist, Dozent und Betriebswirt und verfügt über mehr als 25 Jahre Investmenterfahrung. Er ist Gründer und Leiter der unabhängigen Vermögensplanungsgesellschaft Strategy & plan, der Vermögensverwaltung TKA Funds, welche sich dem Bereich der Geldanlage und Vermögensveranlagung widmen. Er wendet seine langjährig gesammelten Erkenntnisse auf die Analyse und Konzeption von Vermögenswerten und beständigen Portfolios an. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit dem nachhaltigen Schutz von Vermögenswerten und mit Familien- und Nachfolgeplanungen. Er ist Windhag Leistungsstipendiat, Stipendiat der Michael von Zoller-Stiftung, der Karl Seitz- und Julius-Raab-Stiftung. Seit jeher ist er in verschiedenen Freiwilligenorganisationen, im sozialen Bereich und in der Hilfe für den Nächsten engagiert. Magst du my Geldanlage? Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende.Wie sich die Vermögensaufteilung im Lauf des Lebens sinnvoll verändert
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