SHARE In vielen europäischen Ländern haben sich Einkommen, Lebenserwartung, Gesundheitsversorgung und Lebensbedingungen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Auch Steven Pinker argumentiert in seinen Büchern, dass die Menschheit langfristig sicherer, gesünder, friedlicher und wohlhabender wird – trotz negativer Nachrichten in Medien und Öffentlichkeit. Er stützt sich dabei auf umfangreiche Daten zu Gewalt, Krieg, Armut, Lebenserwartung und Bildung weltweit. Dennoch fällt es schwer, von einem gesellschaftlichen Aufbruch zu sprechen. Während Reallöhne steigen und Volkswirtschaften weiterhin expandieren, bleibt die Grundstimmung bemerkenswert gedämpft. Ein Widerspruch, der sich nicht gänzlich mit wirtschaftlichen Kennzahlen erklären lässt. Dennoch zeigen Studien ernüchternde Befunde zur psychischen Gesundheit der Bevölkerung: Rund 39 Prozent der Österreicher:innen waren in der Vergangenheit oder sind aktuell von einer psychischen Erkrankung betroffen, wie eine Repräsentativstudie des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen aus dem Jahr 2020 zeigt. Zwar zeigen internationale Vergleiche, dass Menschen in reicheren Ländern im Durchschnitt zufriedener sind als in ärmeren. Doch innerhalb einzelner Gesellschaften flacht dieser Zugewinn mit steigendem Wohlstand ab: Mehr Einkommen hebt das individuelle Wohlbefinden kurzfristig an – dauerhaft steigt die gesellschaftliche Zufriedenheit jedoch kaum. Der World Happiness Report 2025 bestätigt diese Entwicklung. Länder wie die Schweiz, Kanada oder die USA verzeichnen seit über einem Jahrzehnt rückläufige Werte in der Lebenszufriedenheit – trotz wirtschaftlicher Stärke und hohem sozialen Sicherungsniveau. Der Schweizer Ökonom Bruno S. Frey hat früh darauf hingewiesen, dass Glück nicht allein unter materiellen Vorzeichen entsteht. Politische Stabilität, Mitsprachemöglichkeiten und Vertrauen in Institutionen seien ebenso entscheidend. Wohlstand wirkt nur in einem gesellschaftlichen Umfeld, das Sicherheit und Verlässlichkeit vermittelt. Sein Kollege Mathias Binswanger betont hingegen die Rolle des Wachstumsparadigmas: Moderne Gesellschaften seien strukturell darauf angewiesen, wirtschaftliche Expansion fortzusetzen. Doch die individuelle Zufriedenheit halte mit dieser Dynamik schon lange nicht mehr Schritt. Drei Mechanismen erklären, warum mehr Geld irgendwann kaum zusätzlichen Nutzen stiftet: Glücksforschung unterscheidet zwischen kurzfristigem Wohlgefühl und langfristiger Lebenszufriedenheit. Letztere verändert sich selten abrupt und speist sich aus stabilen Lebensstrukturen. Drei Faktoren treten dabei immer wieder hervor: Soziale Beziehungen haben den größten und dauerhaftesten Einfluss auf langfristige Zufriedenheit. Sinnstiftende Tätigkeit steigert Selbstwert und Handlungsfähigkeit. Gesundheit und psychische Stabilität bilden das Fundament für Handlungsspielräume. In Europa zeigen Langzeitdaten: Regionen mit hohem Vereinsleben, starkem Vertrauen in Gemeinschaft und aktiven Nachbarschaften weisen signifikant höhere Lebenszufriedenheit auf. Eine Studie italienischer Forscher trägt dazu den programmatischen Titel: “It’s not the economy, stupid!” – gemeint ist, dass soziales Kapital über längere Zeit mehr trägt als ökonomisches Kapital. Eine Untersuchung kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Je intensiver Menschen versuchen, glücklich zu sein, desto geringer fällt ihr Wohlbefinden aus. Glück entsteht selten durch bewusste Anstrengung, sondern eher dort, wo Selbstaufmerksamkeit zurücktritt. Der ungarische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi nannte diesen Zustand “Flow” – das völlige Aufgehen in Tätigkeit, Bedeutung und Moment. Der Informatiker Cal Newport beschreibt etwas Ähnliches mit dem Begriff “Deep Work”, der konzentrierten, ungestörten Vertiefung. Dies alles zeigt, dass wachsende Einkommen Lebensbedingungen verbessern – doch garantieren sie keine steigende Zufriedenheit. In wohlhabenden Gesellschaften werden soziale Verbundenheit, Sinn in der Arbeit und die Fähigkeit, Gegenwart bewusst zu erleben, zu entscheidenden Quellen des Wohlbefindens. Nicht der materielle Fortschritt allein prägt ein gutes Leben, sondern die Art, wie Menschen miteinander verbunden sind und welche Bedeutung sie ihrem Tun beimessen. Was hat in Ihrem Leben mehr zu Ihrer Zufriedenheit beigetragen: beruflicher Erfolg und finanzieller Wohlstand oder stabile soziale Beziehungen und Gemeinschaft? Bernhard Führer ist Autor des Buches „Fehler und Risiken die alle Anleger und Investoren begehen“ und weiterer Bücher über persönliche Finanzen, Publizist, Dozent und Betriebswirt und verfügt über mehr als 25 Jahre Investmenterfahrung. Er ist Gründer und Leiter der unabhängigen Vermögensplanungsgesellschaft Strategy & plan, der Vermögensverwaltung TKA Funds, welche sich dem Bereich der Geldanlage und Vermögensveranlagung widmen. Er wendet seine langjährig gesammelten Erkenntnisse auf die Analyse und Konzeption von Vermögenswerten und beständigen Portfolios an. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit dem nachhaltigen Schutz von Vermögenswerten und mit Familien- und Nachfolgeplanungen. Er ist Windhag Leistungsstipendiat, Stipendiat der Michael von Zoller-Stiftung, der Karl Seitz- und Julius-Raab-Stiftung. Seit jeher ist er in verschiedenen Freiwilligenorganisationen, im sozialen Bereich und in der Hilfe für den Nächsten engagiert. Magst du my Geldanlage? Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende. Bernhard Führer ist Autor des Buches „Fehler und Risiken die alle Anleger und Investoren begehen“ und weiterer Bücher über persönliche Finanzen, Publizist, Dozent und Betriebswirt und verfügt über mehr als 25 Jahre Investmenterfahrung. Er ist Gründer und Leiter der unabhängigen Vermögensplanungsgesellschaft Strategy & plan, der Vermögensverwaltung TKA Funds, welche sich dem Bereich der Geldanlage und Vermögensveranlagung widmen. Er wendet seine langjährig gesammelten Erkenntnisse auf die Analyse und Konzeption von Vermögenswerten und beständigen Portfolios an. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit dem nachhaltigen Schutz von Vermögenswerten und mit Familien- und Nachfolgeplanungen. Er ist Windhag Leistungsstipendiat, Stipendiat der Michael von Zoller-Stiftung, der Karl Seitz- und Julius-Raab-Stiftung. Seit jeher ist er in verschiedenen Freiwilligenorganisationen, im sozialen Bereich und in der Hilfe für den Nächsten engagiert. 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Sollte Politik stärker auf Lebenszufriedenheit, statt auf reines Wirtschaftswachstum, setzen? Was müsste sich konkret ändern? (Bernhard Führer, 17.11.2025)Browse Articles
